Herzensachen (2) – 29.1.2012

Teil 2: Schuld

Einleitung

Wir setzen heute die Predigtreihe, die ich mit »Herzenssache« überschrieben habe, fort. Ich möchte mit euch einige Sonntage über das Herz des Menschen nachdenken. Wenn ich vom Herzen spreche, dann meine ich das Innerste eines Menschen. Dort, wo seine Identität, sein Wesen zu Hause ist. Die Bibel beschreibt dieses Herz als den Ort unseres Seins.
Im Buch der Sprüche 4,23 rät ein Vater seinem Sohn: »Mehr als alles hüte dein Herz, denn aus ihm strömt das Leben«.
Eine Bemerkung vorneweg: Manche Anregung zu dieser Predigt geht zurück auf Podcasts von Pastor Andy Stanley aus Alpharetta, Georgia.

Rückblick

Im 1. Teil der Predigtreihe hatten wir die Grundlagen gelegt. Anhand einer Begebenheit aus dem Leben Jesu (Matthäus 15, 1-20) verstanden wir, dass nicht die Beachtung irgendwelcher rituellen Vorschriften uns rein sein lässt bzw. deren Nichtbeachtung uns verunreinigt. Von Jesus haben wir gelernt, dass (1) es die Dinge sind, die aus unserem Mund herauskommen, die unser Herz verunreinigen.
(2) Ein reines Herz ist nicht gleich zu setzen mit erfolgreicher Verhaltensänderung. Deswegen trifft Psalm 51 ins Schwarze: »Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz, und gib mir einen neuen, beständigen Geist«.
Schließlich wurde uns bewusst: (3) Ich muss mein Herz »hüten« d.h. vor bestimmten Dingen bewahren. Das geschieht am besten, indem ich (a) aktiv mein Leben gestalte. (b) Mich dem richtigen Einfluss aussetze. (c) Mich dem Wort Gottes öffne.
Heute geht es um die erste von vier Herzensangelegenheiten, genauer gesagt um den ersten von vier »Feinden des Herzens«: Schuld. – Die anderen Feinde heißen übrigens Wut/Ärger, Habsucht und Neid.

Schuld ist ungesund

Manchmal hat man den Eindruck, dass, was für die Diätindustrie das schlechte Gewissen und die überschüssigen Pfunde sind, für die Kirche das Thema Schuld ist. Ohne Schuldgefühle würden manche wahrscheinlich gar nicht mehr in die Kirche gehen. Religion gedeiht wunderbar auf dem Humus der Schuldgefühle. Mit Schuld lässt sich hervorragend Kasse machen.
Es ist bemerkenswert, dass Jesus an keiner Stelle im Neuen Testament die Schuld von Menschen dazu gebraucht, sich einen Vorteil zu verschaffen oder seinem Gegenüber ein schlechtes Gewissen zu machen.
Aus der Psychologie wissen wir, dass es in der Regel schuldbeladene Menschen sind, die in der »Währung der Schuld handeln«. Man kann das, was unterbewusst abläuft, als Gleichung so beschreiben: »Weil ich mich selbst (oder andere) enttäuscht habe, also schuldig geworden bin, werde ich dafür sorgen, dass andere mich ebenfalls enttäuschen«. – Solchen Leuten kann man es nie recht machen. Sie legen an sich selbst einen sehr hohen Maßstab an, scheitern dann und bestrafen – häufig unbewusst – andere dafür, indem sie diese ebenfalls scheitern lassen. – Mit solchen Leuten zusammenarbeiten zu müssen, kann die Hölle auf Erden sein.
Ich will einem Missverständnis vorbeugen: Ich bin sehr für präzises Arbeiten, Qualität und exzellente Noten in der Schule. Mir geht es hier um einen falschen Perfektionismus, den Eltern ebenso auf ihre Kinder ausüben können, wie Chefs und Kollegen untereinander.
Es ist ausgesprochen ungesund, Schuld mit sich herum zu tragen. Warum? Weil Schuld eine Last ist, die wir uns aufbürden, die uns bedrückt und die wir nicht einfach abschütteln können. Schuld setzt uns auch im Verborgenen zu.
Ein Beispiel: Wenn wir jemandem begegnen, dem wir etwas schulden, haben wir immer das Gefühl, dass mit der Begegnung uns auch unsere Schuld/Verpflichtung begegnet. Infolgedessen sind unbeschwerte Begegnungen nicht mehr möglich. Ich gehe noch einen Schritt weiter, überspitze ganz bewusst: Indem ich mir Geld leihe (auch innerhalb der Familie) mache ich mich zum Schuldner. So lange der unbeglichene Betrag im Raum steht, ist meine Beziehung zum anderen belastet, bin ich nicht frei, ihm auf Augenhöhe zu begegnen.
Liebe Eltern: Es ist wahrlich nichts dagegen einzuwenden, wenn man sich innerhalb der Familie hilft. Aber, wollt ihr eine belastete Beziehung zu euren Söhnen und Töchtern? Ein Ausweg könnte sein: Man kann dem anderen ja auch etwas Gutes tun, indem man mit warmer Hand und Augenmaß schenkt.

Wie werde ich Schuld los?

Im Alten Testament finden wir einen praktischen Rat. Ich weiß, diese Worte richten sich zunächst an das Volk Israel. Wir können sie nicht eins zu eins auf heute übertragen. Aber ich glaube, dass wir hier trotzdem wertvolle Hinweise finden, wie wir Schuld loswerden. Numeri 5, 5-8:
Wenn ihr aneinander schuldig geworden seid, sagt Gott Israel, dann (1) beichtet es nicht nur mir. Vielmehr (2) erstattet eure Schuld und (3) legt 20% oben drauf. Nur dann, wenn niemand mehr da ist, dem man die Schuld zurückzahlen kann, soll man es dem HERRN geben.

Auch im Neuen Testament finden wir klare Worte zum Thema:
Jakobus 5, 16 „Bekennt einander eure Schuld und betet füreinander, damit ihr geheilt werdet. Das Gebet eines gerechten Menschen hat große Macht und kann viel bewirken.“ (NLB)
Das heißt doch, dass es einen Weg gibt, um mit Schuld fertig zu werden, nämlich einander zu bekennen und füreinander zu beten. Leider gibt es in unseren Kreisen ein weit verbreitetes Missverständnis: Man bekennt eine Sache vor Gott und meint sie damit aus der Welt geschafft zu haben. Schuld hat, wenn Menschen im Spiel sind, nicht nur eine vertikale sondern auch eine horizontale Dimension. Es reicht nicht, die Schuld vor Gott oder einem „Vertreter Gottes“ (Beichtvater, Seelsorger) zu bekennen.
So weit, so gut. Bei Kavaliersdelikten mag das alles angehen. Was aber ist mit den schwerwiegenden Dingen? Was ist mit der ernsthaften Schuld, die wir auf uns geladen haben? Der Fahrerflucht? Der Lüge, die einem anderen vielleicht die Karriere verbaut hat? Wo ich betrogen habe, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen? Was ist mit dem hintergangenen Ehepartner? Da, wo ich nicht meinen Platz als Vater oder Ehemann eingenommen habe? Was ist mit den Jahren, die ich meiner Familie gestohlen und meinem beruflichen Fortkommen gewidmet habe?
Wer das tut, was Jakobus empfiehlt, wer bekennt und betet, wird frei werden von seiner Schuld. Aber, machen wir uns nichts vor, er hat augenblicklich mit einer Menge von Komplikationen zu tun. Weil wir das ahnen, schrecken wir zurück. Die Kosten, das spüren wir instinktiv, sind uns zu hoch. Das wollen wir nicht. Wir ziehen es vor, die Angelegenheit in den Mantel des Schweigens oder Verdrängens zu hüllen und merken nicht, wie die unbewältigte Schuld unser Leben von innen her kaputt macht.
Deswegen ist der zweite Teil von Vers 16 so wichtig: Das Gebet eines gerechten Menschen hat große Macht und kann viel bewirken. Ich sehe darin eine Verheißung!
Ja, die Konsequenzen unseres Bekenntnisses mögen kompliziert und schmerzvoll werden. Aber ich bin in Gottes Augen und in denen meiner Mitmenschen ein Mensch, der heil werden darf.
Kurz ein Wort an diejenigen, an denen ein anderer schuldig geworden ist:
Deine Aufgabe ist es, dort wo bekannt wurde, dort wo ein anderer ins Reine kommen will, loszulassen und zu vergeben. Warum? Weil auch dir die Gnade Gottes widerfahren ist.

Ein Beispiel aus der Praxis

Lukas berichtet uns (Lukas 19, 1-10) von einem reichen und vermutlich korrupten Zollbeamten namens Zachäus. Dass er reich war, berichtet uns das Neue Testament, dass er korrupt war, können wir aus der Funktionsweise des römischen Steuersystems schließen.
Dieser Zachäus begegnet Jesus. Nein, umgekehrt: Jesus begegnet ihm, holt ihn aus der Rolle des neugierigen Zuschauers ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Dieser Begegnung folgen Konsequenzen: Aus dem neugierigen Zachäus wird ein Mann, dessen Leben sich schlagartig verändert, weil sich Jesus ihm zuwendet und in seinem Haus einkehrt.
Erinnern wir uns: Nach damaligem Gesetz wäre die Rückerstattung plus 20% alles gewesen, was das Gesetz forderte. Zachäus ging einen großen Schritt weiter: Die Hälfte seines Besitzes für die Armen und das Vierfache für jene, die er betrogen hatte. – Jesus hatte es nicht gefordert. Zachäus wollte freiwillig geben.
So wurde Schuld auf nachhaltige Weise aus dem Leben des Zachäus geschafft. Es hat ihn sehr viel gekostet; einen Gutteil seines Wohlstands. Aber Jesus bescheinigte ihm: „Heute ist diesem Hause Heil widerfahren.“

Und damit komme ich zu uns:

Jesus möchte, dass auch dir und deinem Haus Heil widerfährt. Bist du bereit, „vom Baum des unbeteiligten Zuschauers herabzusteigen“? Bist du bereit, dich Jesus zu stellen? Bist du bereit, das Licht Jesu in die dunkeln und verschwiegenen Winkel deines Herzens leuchten zu lassen? Das in Ordnung zu bringen, was zwischen dir und Gott und zwischen dir und deinem Nächsten steht?

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