Café + am 16.8.2018 „Einsamkeit – die unerkannte Volkskrankheit unserer Zeit“

Café+ am 16. August 2018: Prof. Dr. Stephan Holthaus: „Einsamkeit – Die unerkannte Volkskrankheit unserer Zeit“

Wieder einmal hieß es: Heute ist „Café+“ und zahlreiche Gäste hatten sich eingefunden, um leckere Kuchen zu genießen und einem tiefgehenden Vortrag zu lauschen. Der Redner des Nachmittags war Professor Dr. Stephan Holthaus, Rektor der „Freien Theologischen Hochschule“ in Gießen.

Einsamkeit ist nicht eine Frage, wie viele Menschen zusammen sind, sondern Einsamkeit hat damit zu tun, wie es in unserem Herzen aussieht. London beispielsweise, die größte Stadt Europas, ist wahrscheinlich auch die Hauptstadt der Einsamen. Einsamkeit wird von Mensch zu Mensch verschieden wahrgenommen. Während der Eine sich schon einsam fühlt, wenn er einen Tag lang keinen Kontakt nach außen hat, kann ein Anderer zehn Jahre auf einer einsamen Insel leben, ohne sich einsam zu fühlen.

Wie unterscheidet sich Einsamkeit vom Alleinsein? Man schätzt, dass 16 Millionen Menschen in unserer Gesellschaft, also jeder fünfte Deutsche, alleine leben und diese Zahl nimmt jährlich zu. Aber nicht alle, die alleine leben, sind einsam. Andererseits gibt es auch Menschen, die zwar mit anderen zusammen leben, zum Beispiel in der Familie, oder sonstige soziale Kontakte haben, aber trotzdem einsam sind. Einsamkeit ist das Gefühl, nicht verstanden zu werden, abgelehnt zu werden oder auch die Tatsache, dass man wichtige Dinge seines Leben nicht mit dem Anderen teilen kann.

Es gab noch nie zuvor eine Generation in der Geschichte der Menschheit, die so einsam war wie unsere, obwohl sehr viele Menschen über das Internet mit vielen anderen verbunden sind. Auch die Selbstbespiegelungen, die durch die sozialen Medien verstärkt werden, führen zur Vereinsamung. Es ist ein Massenphänomen in unserer Zeit geworden. Telefonseelsorger machen die Erfahrung, dass Leute anrufen, einfach, um einmal jemanden zum Reden zu haben.

Es gibt verschiedene Gründe, warum Menschen einsam sind:

        Selbstverschuldet, man vergrault den anderen mit seinen Macken, mit seiner negativen Ausstrahlung

        Zu viel Arbeit, keine Zeit für Beziehungen, „Workaholics“

        Führungspositionen können einsam machen, weil man evtl. unpopuläre Entscheidungen treffen muss

        Reichtum: man wird ausgenutzt oder andere trauen sich nicht, mit einem in Kontakt zu treten

        Armut: man wird ausgegrenzt

        Bestimmte Berufe (Pastoren, Seelsorger etc.: Einsamkeit bedingt durch die Schweigepflicht))

        Schuld, eine der Hauptgründe für Einsamkeit

Was sagt die Bibel über Einsamkeit? Das Thema wird schon auf der zweiten Seite aufgegriffen, als Adam noch allein war: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.“ (1.Mose 2,18). Gott ist sehr sensibel, was „Einsamkeit“ angeht. So erschuf Gott Eva. Der Mensch ist auf Gemeinschaft hin angelegt, er braucht das Du, um zum wirklichen Ich zu kommen. In der Bibel gibt es viele Begebenheiten, wo Menschen einsam sind: Kain (durch Schuld verursacht), Noah (er war der einzige Gerechte im Land), Mose (weil sein Volk ihm nicht folgen wollte – die Einsamkeit einer Führungsperson), Paulus (von allen Mitarbeitern verlassen). Die Bibel verschweigt Einsamkeit nicht, sie ist ein Problem des Menschen von Anfang an.

Aber es gibt Einen, der so einsam war wie kein anderer vor und nach ihm: Jesus Christus. Jesus kam als Gott auf diese Welt und die Welt hat ihn abgelehnt. Auch seine eigene Familie und seine Jünger haben ihn nicht wirklich verstanden. In der schlimmsten Stunde seines Lebens, im Garten Gethsemane, wo er ihren Beistand am dringendsten gebraucht hätte, schliefen seine Jünger. Er war bitterlich allein, als er mit dem Tod rang! Und dann sein Tod am Kreuz: Dies war die einsamste Stunde im Leben Jesu. Er schrie: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mk 15,34). Wenn ein Mensch auf dieser Welt es wirklich erlebt hat, von Menschen verlassen zu sein, dann ist das Jesus! Warum musste selbst Gott Jesus verlassen? In dem Moment, als Gott die Sünden der Menschheit auf Jesus gelegt hatte, musste er sich von Jesus abwenden. Und deswegen kann Jesus uns in unserer Einsamkeit wirklich verstehen.

Zahlreiche Menschen in der Bibel haben eine tiefe Einsamkeit und Gottes Hilfe darin erfahren, beispielsweise Elia oder der Gelähmte am Teich Bethesda, dessen Hauptnot es war, dass er keinen Menschen hatte.

Was tut nun Gott?

        Er sieht uns, er kennt sogar unseren Namen!

        Er spricht zu uns.

        Er kümmert sich auch um unsere körperlichen Nöte.

        Er holt uns aus unserer Einsamkeit heraus und öffnet uns die Augen für die Tatsache, dass wir nicht allein sind.

So bewahrt uns der Glaube zwar nicht vor Einsamkeit, aber er hilft uns. Wir dürfen wissen, dass wir nicht allein sind: Gott ist da, sieht uns und möchte uns helfen. Er zeigt uns, dass wir nicht alleine sind. Wir haben Menschen um uns herum und in der Gemeinde, mit denen wir Gemeinschaft haben können. Der Glaube an Christus gibt uns eine Antwort auf dieses Grundproblem der Einsamkeit. Unsere Gemeinden müssen Orte sein, an dem die Einsamkeit überwunden wird, an dem Menschen nach Hause kommen und in Gemeinschaft leben können.

Passend zu dem Vortrag wurde den Gästen das tröstliche „Wort zum Donnerstag“ mitgegeben: „Jesus spricht: Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“ (Matthäus 28,20)