Gnade – warum wir sie so nötig brauchen

Café+ am 8. September 2016 mit Professor Dr. Stephan Holthaus:

„Gnade – warum wir sie alle so bitter nötig haben“

Wieder einmal gab es neben einem reichhaltigen Kuchen- und Schnittchen-Buffet im „Café+“ einen gehaltvollen Vortrag zum Thema „Gnade“. Referent war der Rektor der Freien Theologischen Hochschule Gießen, Professor Dr. Stephan Holthaus. Ebenso herzlich wie professionell moderiert wurde die Veranstaltung von Doris Loh und sehr gerne sangen die Gäste auch bei einigen Liedern mit.

Zu Beginn seines Vortrags erläuterte Professor Holthaus am Beispiel des englischen Sklavenhändlers John Newton, welche Auswirkungen Gnade in einem Leben haben kann. Newton war mit einem seiner Sklavenschiffe unterwegs, als ein heftiger Sturm aufkam. Newton betete zum ersten Mal in seinem Leben zu Gott, dass dieser den Sturm stillen möge. Wenn Gott das tun würde, dann würde Newton ihm sein ganzes Leben weihen. Der Sturm legte sich sofort und er machte sein Versprechen wahr und weihte sein Leben Gott. Newton wurde später einer der berühmtesten Pastoren Englands und Dichter des weltbekannten Liedes „Amazing Grace“ („Erstaunliche Gnade“). In diesem Lied beschrieb Newton, was er in diesem Sturm erlebt hatte. Die erste Strophe lautet: „Amazing Grace, how sweet the sound, that saved a wretch like me.“ „Erstaunliche Gnade, … diese Gnade hat mich („wretch“) gerettet“ „Wretch“ bedeutet: Halunke, Schuft, Ganove. Die Rettung dieses Halunken war so spektakulär, dass dieses Lied entstand, welches heute noch weltweit in Kirchen und auch im öffentlichen Raum gesungen wird!

Aber was ist überhaupt Gnade? Gnade bedeutet: gut zu jemandem sein, zu dem man eigentlich nicht gut sein müsste, der es eigentlich nicht verdient hat. Im deutschen öffentlichen Sprachgebrauch kommt das Wort Gnade so gut wie nicht vor, mit einer Ausnahme: „Begnadigung“. Dabei wird ein Verurteilter freigelassen, ohne dass dieser es verdient hat.

In kirchlichen Kreisen dagegen ist Gnade ein häufig verwendeter Begriff. Warum? Weil Gnade eines der zentralen Worte der Bibel ist. Bereits im Alten Testament wendet Gott sich gnädig seinem Volk Israel zu. Im Neuen Testament kommt dieses Wort sogar 150-mal vor, hauptsächlich bei dem Apostel Paulus. Die Lebensgeschichte des Paulus ähnelt stark der Geschichte von John Newton.

Paulus hatte den Herrn Jesus in einer ganz außergewöhnlichen Weise erlebt: Er war ein blutrünstiger Christenverfolger gewesen, bis Jesus ihm erschienen und Paulus ihm sein Leben gab. So wurde aus diesem Apostel der Christenverfolger der Apostel der Gnade. Durch die Briefe des Paulus zieht sich immer wieder der Gedanke von Gottes großer Gnade.

Gnade ist auch einer der großen Unterschiede des christlichen Glaubens zu allen anderen Religionen. In den anderen Religionen kommt Gnade so gut wie nicht vor. Der Kern des christlichen Glaubens ist die Gnade Gottes, dieser Gedanke, dass Gott gut zu uns ist, dass er nur das Beste für uns will.

Gnade ist etwas, was man nur geschenkt bekommt. Wenn uns jemand etwas schenkt, überlegen wir oft gleich, was wir zurück schenken sollen. Aber Gnade bekommen wir nur mit leeren, nie mit vollen Händen! Wir müssen als Bettler zu Gott kommen, wir können nichts vorweisen. Und dann erweist Gott uns Gnade.

Diese Welt heute ist gnadenlos geworden. Wir müssen für alles bezahlen, müssen alles selbst verdienen. Die Gnadenlosigkeit dieser Welt zeigt sich dann, wenn wir für die Gesellschaft nichts Produktives mehr leisten können, wenn wir schwach und krank geworden sind. Diese Gnadenlosigkeit ist ein ganz großes Problem unserer Zeit und eine Folge der zunehmenden Gottlosigkeit.

Aber was ist mit den Christen: Sind auch sie nicht manchmal gnadenlos? Wenn

jemand seine Schuld bekennt, dann muss ihm sofort vergeben werden und er soll sich nicht erst bewähren müssen. So macht Gott es auch mit uns: Wenn wir IHM unsere Schuld bekennen und uns davon abkehren, dann vergibt ER sofort und bedingungslos. Das muss auch in unseren Kirchen und Gemeinden so gehandhabt werden. Es hat nichts mit einer „billigen Gnade“ zu tun. „Billige Gnade“ bedeutet, dass Schuld einfach weggewischt und übersehen wird, was nicht biblisch ist. Gnade ist immer gebunden an Buße und Umkehr von der Schuld. Wenn das passiert ist, dann muss man ebenso gnädig sein wie Gott, der uns unsere Sünden vergibt und uns von allen Untugenden heilt.

Die einzige Voraussetzung, um Gottes Gnade zu empfangen, ist die Umkehr von der eigenen Schuld, so wie John Newton und Paulus es getan hatten: Sie haben ihre Schuld erkannt, um Vergebung gebeten und sind umgekehrt. „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“, das war die große Frage der Menschen in der Reformationszeit. Anders formuliert: „Wie komme ich in den Himmel?“ Durch Umkehr und Buße. Gnade ist nur etwas für Sünder, für Menschen, die mit Schuld beladen sind. Und das ist in Gottes Augen jeder Mensch!

Es gab und gibt immer wieder Menschen, die behaupten, sie seien ohne Schuld. Aber wer das meint, bekommt auch keine Gnade. Die Gnade verlangt uns ab, dass wir Schuld eingestehen, was niemand gerne macht. Jedoch ist dies der einzige Weg. Philip Yancey schreibt in seinem Buch „Gnade“: „Gnade ist wie Wasser. Wasser fließt immer zu den tiefsten Punkten des Lebens und der Welt, nie zu den höchsten.“

In der Bibel gibt es die Geschichte vom „verlorenen Sohn“, in der sehr anschaulich dargestellt wird, was Buße und Schuldbekenntnis und eben auch Gnade bedeutet:

  • – So, wie der Vater sich nach seinem Sohn gesehnt, nach ihm Ausschau gehalten hat, so sehnt sich Gott auch nach uns.
  • – In der Geschichte lief der Vater dem zurückgekehrten Sohn sogar entgegen, was in der damaligen Zeit im Orient eigentlich ein völlig unmögliches Verhalten darstellte. Gott läuft uns entgegen, wenn wir zu ihm umkehren!
  • – Der Vater nahm ihn in den Arm, nahm ihn wieder in die Familie auf und veranstaltete ein riesengroßes Fest für ihn. So hatte die Gnade den Sohn erreicht. Gott selbst lässt ihn die Gnade erleben.

Möge Gnade wieder ein Begriff werden, den man morgens in der Zeitung lesen kann. Möge es wieder eine Welt geben, wo Vergebung herrscht, wo wir Freiräume gewinnen, unsere Schuld zugeben zu können, weil wir wissen, dass dann Gnade und nicht Schläge auf uns wartet. Möge es Gemeinden geben, die Gemeinden der Gnade werden, wo Menschen zur Ruhe kommen, Geborgenheit erfahren, ihre Schuld bekennen und davon frei werden können.

Es ist die Aufgabe der Kirchen und Gemeinden heute, den Menschen Gnade, Vergebung zuzusprechen. Mögen wir alle die Gnade erleben, die uns von unserer Schuld und unseren Lasten befreit.

Wir freuen uns auf das nächste Café +, das am 10. November 2016 um 15 Uhr wieder öffnet. Referent wird Dr-Ing. Werner Gitt sein mit dem Thema „Was war der Stern von Bethlehem?“

Herzliche Einladung!